Sanierungsgebiete

Drei Menschen am Wasserturmplatz. Lynn ist Praktikantin in einem Architekturbüro und lernt das, was sie in ihrer Studie zu Sanierungsgebieten in Berlin erarbeitet hat, am eigenen Leibe kennen. Donata hingegen ist alleinerziehende Mutter und Redakteurin einer Gewerkschaftszeitung, sie muss sich durchbeißen – und aufsteigen. Ihr Ex-Freund, der Schriftsteller Otti, will dagegen an die Traditionen der Poeten des Prenzlauer Bergs anknüpfen und arbeitet an widerständigen Zeitschriftenprojekten. Stone wiederum hat sich von allen abgewandt, er will den Niedergang seines Kiezes nicht miterleben und zieht nach Neukölln – doch auch da holt ihn die Umwälzung der Stadtlandschaft ein.
Enno Stahl zeigt in seinem großen Roman „Sanierungsgebiete“, wie die Gentrifizierung den Menschen zunehmend die Partizipation am urbanen Leben versagt. Und wie sie die Kieze selbst verändert, wenn nicht verödet. Dies tut er als Erzähler, doch in die Geschichten seiner Figuren bettet er immer wieder historische Exkurse, Statistiken und Interviews mit realen Menschen ein, die die Umwandlung ihrer Straßen erleben mussten. So komponiert er ein mitreißendes vielstimmiges Konzert, das schließlich der Stadt selbst eine Stimme verleiht.

Enno Stahl - Sanierungsgebiete

Roman, Broschur, 224 Seiten, Preis: 18,00 EUR, ISBN: 9783957322357

Pressestimmen:

Roman der Stunde
Barbara Renno / SR2

Der Roman fächert ein zeitgenössisches Panorama großstädtischer Lebenswelten auf. […] Stahls Prosa zeichnet sich an vielen Stellen auch durch sehr feine Ironie aus, sodass die Anti-Gentrifizierungs-Kämpfer keineswegs strahlende Helden sind, sondern als widersprüchliche Figuren durch diesen Roman laufen, manch einer ist schlicht auf den eigenen Vorteil bedacht.
Florian Schmid / der Freitag

Sein literarisches Konzept [entfaltet] im Roman „Sanierungsgebiete“ durchaus eine dokudramatische Wirkung. Wie in einem Bestiarium nimmt Stahl Vertreter verschiedener Milieus unter die Lupe, beschreibt nicht nur ihr Wohnumfeld, sondern erklärt zugleich detaillier Hintergründe ihrer sozialen und finanziellen Lebenssituation. Zur Beglaubigung seiner literarischen Wirklichkeitsanordnung werden zahlreiche Realreferenzen ins Feld geführt.
Cornelius Wüllenkemper /  FAZ 

Wie fasst man Gesellschaft literarisch? Enno Stahl gehört zu jenen Schriftstellern, die sich nicht mit der Beschreibung individueller Befindlichkeiten begnügen, auch nicht bloß naturalistisch Einzelheiten wiedergeben, sondern im Sinne eines kritischen Realismus den aktuellen Stand des Kapitalismus veranschaulichen.
Kai Köhler / junge Welt

Enno Stahl lässt sein Personal in „Sanierungsgebiete“ im Jahr 2009 antreten, und ihm gelingt damit eine verblüffend genaue Punktlandung.
Uwe Rada / taz

Gentrifizierung in der Gegenwartsliteratur. Wenn die hohen Decken fehlen
Annett Gröschner im Gespräch mit Joachim Scholl im Deutschlandfunk Kultur

Enno Stahls Roman birgt auf seinen rund 600 Seiten unglaublich viele Hintergrundinformationen, ist exzellent recherchiert, geschickt gebaut. Und seine Figuren geben ihm Farbe und Tiefe. Ein gelungenes Porträt eines Stadtviertels und seiner Bewohner, prototypisch weit über Berlin hinaus. Ein überaus gelungener Versuch, das Phänomen Gentrifizierung in allen seinen Facetten begreifbar und verständlich zu machen.
Johannes Kaiser / SWR2

Enno Stahl hat gerade ein Buch veröffentlicht, der Titel ist Sanierungsgebiete, also sozusagen das Feuchtgebiete der Gentrifizierer, und mit dem will er der Stadt eine Stimme geben. Ferdinand Meyen / BR 2 – Zündfunk

Es ist ein Roman, in dem wir wahnsinnig viel erfahren über Berlin, aber eigentlich, habe ich mir beim Lesen gedacht, ist es ein Roman über unsere ganze Gegenwart, es geht um den Umgang mit der Nazi-und der DDR-Vergangenheit, es geht um den Umgang mit dem Kapitalismus, möglichen Alternativen dazu, und die Verhandlungsprozesse, die es da drumherum gibt und es geht auch um die Menschen, die in dieser Gemengelage leben. […] Was erstaunt an dem Buch ist, obwohl man schon sehr viele Erzähltechniken kennt, wie gewagt Enno Stahl da vorgeht.
Jörg Biesler / WDR 5 Scala

Der Roman „Sanierungsgebiete“ ist eine Momentaufnahme. Anhand von vier Hauptfiguren, die im Jahr 2009 alle in der Rykestraße oder um die Ecke wohnen, erzählt Enno Stahl detailreich und mit vielen ausführlichen Zitaten aus offiziellen Dokumenten zur Stadtentwicklung, Zeitungsartikeln undInterviews vom Leben mitten in der Umwälzung.
Ulrich Rüdenauer und Beatrice Faßbender / SWR2

„Sanierungsgebiete“ schafft so auf spannende Art den Spagat zwischen Erzählung und Kapitalismuskritik, zwischen sozialer Analyse und persönlicher Tragik. Ein Buch von gesellschaftlicher Relevanz, ein Roman voller Emotionen, voller Witz.
Guy Helminger / Luxemburger Tageblatt

In einem reichen Panorama fängt Stahl die verschiedenen Milieus und Lebenswelten ein. Beeindruckend schiebt er die Diskursebenen in- und durcheinander.
Werner Jung / konkret

Die fesselnde Handlung ist durchzogen von markigen Dialogen. […] Es lohnt sich, die Hauptstadt mit Stahl besser kennenzulernen.
Claus Clemens / Rheinische Post

Doch Enno Stahl hat als Autor auch den analytischen Roman erfunden, der mit Hilfe von eingeflochtenen Statistiken, Interviews und historischen Exkursen eine klare gesellschaftspolitische Botschaft transportieren will. Das gelingt – und diese Mischung mühelos über fast 600 gleichermaßen unterhaltsame wie informative Seiten zu tragen, ist schon ein Kunststück.
Brigitte Schmitz-Kunkel / Kölnische Rundschau

Einmal mehr wendet er überzeugend sein Konzept des „Analytischen Realismus“ an, bei dem es ihm nicht in erster Linie darum geht, gesellschaftlich-politische Zustände bloß abzubilden, sondern vielmehr erzählend eine kritische Haltung zur Gegenwart einzunehmen.
Andreas Gebhardt / HNA

Spannend, kenntnisreich, engagiert, witzig.
MieterMagazin

Über Gentrifizierung und Lebensqualität sprechen die detektor.fm-Moderatoren Claudius Niessen und Christian Erll mit Enno Stahl.

[Der Roman] beginnt mit einer Zugfahrt im ICE von Düsseldorf nach Berlin und am Ende von dort zurück. Also: einfach einsteigen, die Reise mitmachen und mit großem Gepäck in Form von Lesegenuß und Erkenntnissen aussteigen.
Michael Banos / labournet

Enno Stahl über gestiegene Mieten und seinen Roman „Sanierungsgebiete“ mit Choices

Mühelos bewegt Stahl die wenigen präzise gezeichneten Hauptfiguren sehr unterschiedlicher Provenienz zwischen historischen Abrissen, Statistiken und Interviews mit bekannten Zeugen des großen Ausverkaufs.
Renate Koßmann / verdi

Stahl erhebt in seinem Roman nicht den Anspruch, eine Antwort auf die vielen Fragen zu liefern, aber er schafft ein Diskussionsfeld und bietet seiner Leserschaft ein breit gefächertes Material zur kritischen Auseinandersetzung mit sozialen und politischen Fragen der globalen Gegenwart an.
Monika Wolting / literaturkritik.de

„Sanierungsgebiete“ ist ein großartiger (Großstadt-)Roman, der nicht nur die dubiosen Praktiken der Immobilienhaie aufzeigt, sondern auch vom ganz normalen Chaos, von den ganz normalen Fährnissen des Lebens erzählt. Ein Roman, der sich – endlich einmal – um ein ganz wichtiges gesellschaftspolitisches Thema dreht, der das Weggucken von Poltitik und Verwaltung aufzeigt, als Voraussetzung für das ungehemmte Durchsetzen ökonomischer Interessen. Der nebenbei auch noch von den Arbeitsverhältnissen der Generation Praktikum erzählt. Und der dabei immer wieder aufzeigt, wie korrumpierbar der einzelne ist, wie opportunistisch selbst jene sind, die sonst doch immer so viel Wert auf bestimmte Werte legen. Das graue Sofa

Leseprobe:

Sssssssssirrrrrennnnde, silberhelle Delfinschnauze des ICE Heinrich Böll, Delfin Heinrich Böll verdrängt eistrockene Luft, die Luft Brandenburgs. Delfinschnauze, silberhell mit Sonnenamuletten, und windschnell, am Rande büscheln Birken, der Sand, der lichte Grund der sandigen Mark, und der Himmel steht so hoch, aus eisigem Blau gegossen, so ein Quadrathimmel, so ein umgekehrtes Terrarium das Ganze, in dem der ICE Heinrich Böll und die Birken und der Sand
und die Felder und die paar Dorfflecken und die starren, gott- und autoverlassenen Straßen und die Menschen alle, die man nicht sieht, die Menschen und das alles – die Dekoration sind … ICE Heinrich Böll,Ra ketenwurm, rast über versehrte, ausgelaugte, wasserarme Böden, vorbei an diesen ehemaligen LPG-Höfen, in Konkurs gegangenen Betrieben, geschleiften Gewerbehallen, Ruinen von Betrieben, Brandmauern von Betrieben, Ruinen von Ansiedlungen, tote, unbelebte Gegend, von ihren Bewohnern keine Spur, wenn es denn Bewohner geben sollte…
Der Zug eilt der Hauptstadt zu, einer Hauptstadt im Sand, die Landschaft macht freundliche Miene, sie lockt mit Pappeln in kleinen Reihen, Pappelpartien mit Mistelkletten, dann mit einem Waldstück mit Eichen, Kiefern auch. Dieses flache Land in Staubgrau und Blattbraun, ein Maler bräuchte keine anderen Töne. Halt, hier kommt Grün, hier kommt Bauernland, hier kommt Landwirtschaft und Zivilisation, die Äcker sind sauber geharkt, und jetzt sogar Windräder,
sehr viele Windräder, Energie für den Osten, Energie für Berlin. Selten ein schmuckes Gehöft hineingeworfen, winzige Oasen. Doch jetzt: Berlin-Spandau, eine Fabrik, aus deren Kühltürmen zäher Rauch quillt, eine gibt es noch in Berlin, eine Fabrik, und Schrebergärten, vereinzelt. Media Markt. Eine weitere Fabrik, eine Krähe steht in der Luft wie festgefroren, Vorortbahnhöfe, Messe-Süd, Charlottenburg, der alte Funkturm, längst ausgedientes Wahrzeichen, Herbstlaub, Kanal links, die Häuser auf Stelzen, und der Zug erst recht. Durchgrünter Beton, Graffiti, überall Graffiti, auf den Lärmschutzwänden rollt rauschend ein Farbfilm ab, Gedächtniskirche, Opernwerbung im XXL-Format, kleine Statuetten auf einem Hausabsatz, Heiligenfiguren direkt in Kopfhöhe, mit denen hätte man nicht gerechnet, so was Katholisches, Gläubiges, im steinernen Herzen Preußens. Nun wieder ein Aufbruch, Baustellen, Schneisen, meine Damen und Herren, in wenigen Minuten erreichen wir, und übers weit gestreckte Gelände neumodische Quader gestreut, der Reichstag mit dieser Glaskuppel, Berlin Hauptbahnhof, Ausstieg in Fahrtrichtung links, ein paar Menschen verlieren sich im Regierungsterrain, dies das Zentrum des Geschehens, das Zentrum des Landes, des Staates, man sieht das nicht,
und weiter der Zug, schlüpft unters Dach jetzt, die Stahl-Glas-Röhre, Kernspintomograph Hauptbahnhof, alles aussteigen, alles, was nicht in den Osten will, aussteigen …