Realismus und Engagement

»Realismus« und »Engagement« – zwischen diesen Polen bewegen sich die Essays von Enno Stahl. Realismus wird dabei verstanden als eine grundsätzliche Ausrichtung der Weltwahrnehmung, aber auch als literarische Kategorie. Engagement besitzt hier einen ganz ähnlichen Doppelcharakter – als tätige Praxis auf der einen und als Motivation und Motiv der Literatur auf der anderen Seite. Es geht um die Frage, wie Literatur Ausdruck einer solchen Praxis sein kann und wie sie zugleich diese Praxis konstruktiv mit ihren eigenen Mitteln zu befördern vermag. Leider lesen heutzutage immer weniger Menschen. Die Konsequenzen sehen wir jeden Tag. Man kann darin durchaus einen der Gründe für die emotionale Verarmung und die Verrohung des gesellschaftlichen Miteinanders ausmachen. Zentrale literarische Texte, auch ältere, etwa aus dem Kanon der Weltliteraturgeschichte, erörtern wichtige moralische Fragen, vermitteln Werte, Ideen und Haltungen. Literatur kann Empathie stiften, Facebook offensichtlich nicht. Es ist höchste Zeit, dass Literatur auch von Akteuren der politischen Praxis als wichtiger Transmitter wahrgenommen wird.

Klappenbroschur, 197 Seiten, Preis: 18 €, ISBN 978-3-89438-776-1

Inhalt:


Vorworte 7
Zukunftsfragen
Literatur und Gesellschaft 13
Romane und Fake News
Literatur als die bessere Wahrheit 22
Populäres Schreiben von links
»Rote« Erfolgsliteratur 34
Sprache und Diskurstrategien der Neuen Rechten 46
Leben und Sterben für die Utopie
Peter Weiss und die »Ästhetik des Widerstands« 62
Literatur als Affirmation?
Adorno, Gramsci und der analytische Realismus 73
Elite-Literatur 86
Verstellte Alternativen
Möglichkeitsräume neu erfinden 95
Literarische Aneignung
Rezeption, Empathie oder geistiger Diebstahl? 107
Dichter und Wahnsinn 119
Die Anämie der Gegenwartsliteratur
Remedium Realismus 130
Liebe und Literatur
Ein Parforce-Ritt durch die Geschichte 137
Literatur und ökologische Praxis
Nature Writing und Ökokritik 149
Über den Kolonialismus
Der Dichter, Essayist und Politiker Aimé Césaire 169
Literatur und Pandemie
Gestaltungsformen eines Sujets 180
Nachweis der Erstveröffentlichungen 196

Vorworte


Vorworte

»Realismus« und »Engagement« – zwischen diesen Polen bewegen sich die nachfolgenden Versuche. Realismus wird dabei verstanden als eine grundsätzliche (materialistisch basierte) Ausrichtung der Weltwahrnehmung, aber auch als literarische Kategorie, die produktionsästhetisch diskutiert wird.
Engagement besitzt hier einen ganz ähnlichen Doppelcharakter – als tätige Praxis auf der einen Seite und als Motivation
und Motiv der Literatur auf der anderen Seite, indem es nämlich um die Bedingungen der Möglichkeit geht, wie Literatur Ausdruck einer solchen Praxis sein kann und wie sie zugleich diese Praxis konstruktiv mit ihren eigenen Mitteln zu befördern vermag.
Nun denken viele heutzutage, »schöne« Literatur habe per se nur wenig mit einer gesellschaftskritischen oder gar kämpfenden Aktivität zu schaffen. Dieser Eindruck kommt nicht von ungefähr, da – ziemlich genau um 1990 herum, also direkt nach dem faktischen Zusammenbruch des sogenannten »real-existierenden Sozialismus« – bestimmte einflussreiche Kreise des Literaturbetriebs, vielleicht weil sie selbst vom Verglimmen der Utopie enttäuscht waren, vielleicht aus gefestigter neo-konservativer Überzeugung, offensiv und leider auch recht erfolgreich versuchten, die Literatur in ein politisch unbedenkliches Fahrwasser umzuleiten, indem sie gegen eine (vermeintlich) erklügelte
Avantgardeliteratur wetterten und das »Einfach-nur-Erzählen«  feierten. Der Siegeszug des neoliberalen Wirtschaftens, das auch den Buchhandel mit Macht erfasste, und die postmoderne Philosophie, die alle alternativen Gesellschaftserzählungen als beliebige Versionen brandmarkte, taten ihr Übriges.
Doch weder entsprach das der genuinen Aufgabe von Literatur, die sie ihrem Wesen nach immer besessen hatte, noch birgt diese Einhegung eine zufriedenstellende Perspektive dafür, wie sie als ein Medium überhaupt sinnvoll fortexistieren kann, das gegenüber anderen Medien wie Musik, bildender Kunst oder den zusammengesetzten neueren Disziplinen wie Film, TV-Serie und Internetkunst ein Surplus besitzt – nämlich die kritische, weltdeutende Kraft der Sprache und eine Imagination, die nicht an Settings und Budgets gebunden ist. Beides führt dazu, dass Literatur die Widersprüche der heutigen Zeit erfassen und zugleich Träger von Visionen und Entwürfen eines zukünftigen Zusammenlebens sein kann.
Wie gesagt, diese Zuschreibung, Verengung und Eingrenzung, ist fremdbestimmt, die Literatur besitzt diese Kompetenz
weiterhin, wenn man sie nur weckt. Sie muss einstehen für eine schonungslos-analysierende Wahrnehmung der Wirklichkeit, die uns umgibt – für einen zeitgenössischen Realismus, der nicht verschweigt, was im größeren Rahmen geschieht. Natürlich gibt es dafür Voraussetzungen. Niemand kann heute mehr so realistisch schreiben wie vor 150 Jahren. Formen, Stile und auch Stoffe ändern sich und müssen den aktuellen Ausdrucksabsichten angepasst werden. Und natürlich kann und darf Literatur nicht vordergründig agitieren oder Partei ergreifen, denn auch damit verlöre
sie ihr Eigentliches – eine oszillierende, nicht allzu eindeutig festgelegte Wirklichkeitszeichnung, die Lesern und Leserinnen eigene Deutungswege offenhält, Bewusstseinsprozesse aktiviert – nie etwas vorkauend, sondern stets individuelle Auseinandersetzung anregend …
Diese Überlegungen sind gewissermaßen der rote Faden der folgenden Essays – viele dieser Texte sind entstanden im Zusammenhang mit der Symposien-Reihe »Richtige Literatur im Falschen (RLIF)«, die ich 2015 mit dem Politologen Ingar Solty aus der Taufe hob und seitdem nahezu jährlich organisiere. Neben diesen mehrtägigen Tagungen existiert eine zweite Reihe mit literarisch-diskursiven Abendveranstaltungen, zweimal jährlich, im Berliner Literaturforum im Brecht-Haus. Nun war es eine schöne Routine, jeder dieser RLIF-Veranstaltungen einen Überblickstext zum Veranstaltungssujet vorauszuschicken, der dann auf der Themenseite der jungen Welt abgedruckt wurde. Da die RLIF-Symposien einen vorwärtsschreitenden Diskussionsprozess markierten, besitzen auch die in diesem Zusammenhang entstandenen Texte eine gewisse gedankliche Kontinuität nebst formaler Geschlossenheit (Zeitungsstil, immer gleiche Länge), die mir nahelegte, sie einmal in einen Buchkontext zu bringen. Weitere Artikel erschienen in »Melodie & Rhythmus«. Alle Beiträge wurden für die vorliegendeAusgabe bearbeitet, zum Teil erheblich erweitert und ergänzt, Zitate wieder mit Fußnoten versehen, um sie auch für wissenschaftliche Interessenten verwertbar zu machen.
Das Buch plädiert dafür, dass Literatur auch in der politischen Auseinandersetzung eine Rolle spielen kann und sollte. Und es möchte Hinweise darauf geben, in welcher Form sie das tun könnte und müsste.
Es ist bedauerlich, dass Literatur heute in der gewerkschaftlichen Arbeit oder in den kulturellen Aktivitäten der Linken keine oder nur eine sehr nachgeordnete Bedeutung zukommt. Das war vor 100, 120 Jahren anders. Emile Zolas »Germinal« kursierte in Gewerkschaftsausgaben, Arbeiterbildungsvereine gab es überall, ebenso wie selbst organisierte Lesezirkel. Die Rote-Roman-Reihe erzielte in der Weimarer Republik Massenauflagen, ebenso wie die eher hochliterarischen Publikationen des Malik-Verlags (Upton Sinclair, Maxim Gorki u. a.). Noch in den 1970er / 1980er
Jahren gab es Arbeiter- und Gewerkschaftsgruppen, die sich intensiv mit Peter Weiss’ »Ästhetik des Widerstands« auseinandersetzten, einem Schlüsselwerk der Avantgarde, zugleich Literatur mit dezidiert politischem Anspruch. Warum lässt sich eine solche Vermittlungsarbeit heutzutage nicht reanimieren?
Es ist richtig, immer weniger Menschen lesen, erst recht keine Hochliteratur, echte Kunst. Die Konsequenzen dessen sehen wir jeden Tag. Es ist nicht zu hoch gegriffen, darin einen der Gründe für die emotionale Verwahrlosung und die Verrohung des gesellschaftlichen Miteinanders auszumachen. Zentrale literarische Texte, auch ältere, etwa aus dem Kanon der Weltliteraturgeschichte, erörtern wichtige moralische Fragen, vermitteln Werte, Ideen und Haltungen. Literatur kann Empathie stiften, Facebook offensichtlich nicht.
Lese- und vielleicht auch Schreibförderung könnten hier positive Impulse vermitteln. Was bislang in diesem Bereich
unternommen wird, scheint jedoch effektiv zu wenig, und es ist zu entfernt von der Lebenswirklichkeit jüngerer Menschen, erst recht der unteren Klassen. Da mit den Schulen längst nicht mehr zu rechnen ist, mit ihrem drastisch abgespeckten humanwissenschaftlichen Programm, den wenigen Büchern, die im Deutschunterricht überhaupt noch behandelt werden, müssen andere in die Bresche springen. Das könnten linke Parteien und Gewerkschaften sein.
Bislang bescheiden diese Akteure sich allerdings damit, die eigenen Inhalte und Programme über öffentliche Veranstaltungen zu propagieren – politische Werbung statt Bewusstseinsbildung. Sie übersehen dabei, dass erst einmal ein Basiswissen über gesellschaftliche Belange, eine minimale »education sentimentale«, vorhanden sein muss, damit solche Angebote überhaupt verstanden, verarbeitet und dann sogar positiv bewertet werden können. Das ist häufig genug nicht der Fall, gerade bei der Klientel, die man erreichen möchte. Viele Leute sind skeptisch bis misstrauisch und sperren sich instinktiv gegen die Botschaften gerade jener politischen Organisationen, die eigentlich ihr Sprachrohr sein wollen. Die Kommunikation misslingt.
Literatur kann hier als Transmitter fungieren. Wenn sie vor Ort, im lokalen Kontext, über Workshops, Lesezirkel und
Arbeitsgruppen vermittelt würde, könnte das sehr positive Folgen zeitigen: Sie könnte die sprachliche Kompetenz erhöhen, die Denkfähigkeit, eine kritische Grundhaltung herauskitzeln, nicht jedem populistischen Quark auf den Leim zu gehen, also Quellenkritik anregen, auch politische Inhalte erlebbar und anschaulich machen und damit das Selbstbewusstsein der damit befassten Personen stärken. Auf diese Weise, nämlich im Zuge einer generellen intellektuellen Weiterbildung, würden die Anliegen linker Parteien oder der Gewerkschaften auf eine ganz andere
unmittelbare Weise ins Spiel gebracht, ja, überhaupt erst richtig begriffen.
Das heißt aber auch, dass die Literatur die Rolle, die sie inzwischen verloren hat, zurückverlangen muss. Sie darf sich nicht länger ins marginalisierende Ghetto des Literaturbetriebs einsperren lassen, sondern muss wieder in die Mitte (und an die Ränder) der Gesellschaft drängen. Es geht darum, das Wissen, das Literatur  in sich birgt, jenen nahezubringen, die fast schon jedes Wissen von sich selbst und über die tatsächlichen Hintergründe der waltenden Verhältnisse verloren haben. Und vielleicht vermag sie so dem einen oder anderen Möglichkeiten des Handelns aufzuzeigen, für eine bessere, konstruktive Existenz.